Wenn ‚besser‘ sich nicht leicht anfühlt
„Heute geht es dir besser, oder?“ Der Satz fällt ganz beiläufig. Freundlich. Unaufgeregt. Und trotzdem spannt sich beim Blick in sein hoffnungsvolles Gesicht alles in mir an. Dabei stimmt es sogar irgendwie: Schon beim Aufstehen habe ich gemerkt, dass es mir ein kleines bisschen leichter fiel als sonst. Mein Körper fühlt sich nicht ganz so bleischwer an wie sonst, eher etwas stabiler. Als würde ich innerlich ein kleines Stück fester stehen als an anderen Tagen.
Und genau das macht es schwierig.
Denn dieses „besser“ ist so zerbrechlich, dass ich es zwar wahrnehme, es aber nicht gleich Freude auslöst. Weil es kein Schritt nach vorne ist, sondern eher ein kurzes „Nicht-Zurückfallen“, eher eine Pause. Ich merke, wie mein Inneres bei der Frage sofort auf Alarm geht. Ich kann nicht antworten, nicke nur. Und will doch gleichzeitig laut widersprechen. Will sagen: Ja, ein bisschen, aber bitte mach nichts daraus. Bitte erwarte nichts. Bitte glaub nicht, dass jetzt wieder mehr geht.
Während ich noch nach den richtigen Worten suche, um das alles verständlich zu machen, läuft innerlich schon etwas anderes ab. Eine alte Vorsicht klopft an. Dieses reflexhafte Zurückziehen, das sagt: „Sei vorsichtig mit Lichtblicken. Sie werden schnell größer gemacht, als sie sind. Und dann tun sie weh“.
Denn ich weiß, wie schnell aus einem stabileren Moment eine große Hoffnung wird. Wie schnell mit früher verglichen wird, mit dem, was einmal selbstverständlich war. Und wie schnell diese Stabilität auch wieder kippt und ich mich an einem Punkt wiederfinde, an dem ich doch wieder erklären und verzichten muss.
So wird aus einer kurzen Besserung der Symptome kein Anlass zu großer Freude, sondern doch wieder das altbekannte Gefühlschaos: Darf ich diesen Moment annehmen, ohne ihn verteidigen zu müssen? Darf er einfach da sein, ohne Bedeutung zu bekommen? Gleichzeitig merke ich, wie etwas in mir einfach drauflos will und etwas anderes bremst. Und dann ist da noch die Trauer, die sich meldet. Leise, aber beharrlich. Um all das, was auch heute nicht geht. Um das, was selbst an besseren Tagen unerreichbar bleibt. Dieses Nebeneinander ist schwer auszuhalten.
Manchmal wünsche ich mir, ich könnte mich über einen Tag mit weniger Symptomen einfach freuen. Unkompliziert. Ohne diese innere Wachsamkeit, ohne widerstreitende Gefühle. Aber mein Körper kennt diese Unkompliziertheit nicht mehr. Er lebt in Zuständen, nicht in Fortschritten.
Ich weiß nicht, wie man damit richtig umgeht. Ich weiß nur, dass all das real ist. Und dass es nichts mit Undankbarkeit oder Hoffnungslosigkeit zu tun hat.
Vielleicht ist es einfach ein Schutz. Ein sehr müder, sehr erfahrener Schutz.
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