Crash ist nicht gleich Crash
Wenn sich ein Crash plötzlich anders anfühlt
Lange Zeit fühlten sich meine ME/CFS-Crashzustände wie ein vorhersagbares, einheitliches Ereignis an. Ein Zustand maximaler Verschlechterung, in dem schlicht alles zu viel ist. Massive Kopfschmerzen, als stünde das gesamte Nervensystem unter Druck. Geräusche schmerzhaft. Licht meist noch erträglich. Denken ist klebrig, Lesen nahezu unmöglich. In solchen Phasen ist selbst das ruhige Formulieren einfacher Gedanken eine Anstrengung. Bleierne Erschöpfung. Ein Zusammenbruch ohne erkennbare Nuancen.
Dieser Crash fühlt sich vollkommen anders an. Eine Benommenheit. Schwindel. Eskaliernder Tinnitus. Der Kopf schmerzt nur wenig und ist vergleichsweise klar, während mein Körper wie entleert wirkt. Als hätte ich einen Bleimantel an. Jede Bewegung ist schmerzhaft und schwer, als müsste selbst das Aufrichten gegen eine unsichtbare Schwerkraft erfolgen. Tageslicht ist plötzlich gleißend hell, ohne Sonnenbrille kaum zu ertragen. Die Schmerzen sitzen in Muskeln und Gelenken. Ein brennendes, ziehendes Gefühl, als würde innerlich etwas zerreißen. Gleichzeitig ist selbst leichter Druck von außen kaum erträglich.
Doch noch etwas unterscheidet ihn von den vertrauten Verläufen zuvor: Der Zustand bleibt fragil, schwach, kaum belastbar – und dennoch scheint sich mein System schneller zu beruhigen, als ich es aus früheren Crashs kenne. Nicht als plötzliche Erholung. Eher als ein vorsichtiges, instabiles Abklingen.
Eine Beobachtung, die aber weniger Entlastung als neue Unsicherheit mit sich bringt.
Irritation
So unterschiedlich dieser Crash sich anfühlt, manches bleibt vertraut: Kein Schmerzmittel erreicht diese Schmerzen. Und selbst Sprechen kann zeitweise unmöglich werden.
Was mich diesmal besonders irritiert:
Wie kann Denken in diesem Crash möglich bleiben, während Sprechen wie immer zur Herausforderung wird?
Meine Gedanken sind da. Klar, geordnet, greifbar. Doch im Gespräch fehlen mir plötzlich Worte. Begriffe, die innerlich selbstverständlich vorhanden sind, lassen sich nicht mehr flüssig abrufen. Sätze brechen ab, Formulierungen zerfallen. Nicht, weil der Gedanke fehlt – sondern weil der Zugriff darauf im entscheidenden Moment nicht gelingt.
Missverständnisse
Beim Schreiben zeigt sich oft ein anderes Bild. Ohne Zeitdruck, ohne unmittelbare Reaktion, ohne soziale Reizkulisse finden sich die Worte wieder. Langsamer vielleicht, vorsichtiger, aber für eine gewisse Zeit erreichbar.
Was ich lange selbst nicht einordnen konnte und deshalb missverstanden habe:
Wenn ich dazu fähig bin zu denken oder einzelne Sätze zu formulieren, dann bedeutet das nicht automatisch, dass ich kommunikationsfähig bin. Für mich ist eine Nachricht zu schreiben kein rein sprachlicher Vorgang. Es ist Reizkontakt, soziale Interaktion, Erwartungsdynamik. Selbst kurze Antworten stellen dann für mein überlastetes System eine andere Qualität von Anforderung dar als stilles Denken oder Schreiben.
Vertrautes plötzlich fremd
Auch ein anderer Zustand ist schwer erklärbar und widersprüchlich: Innerlich kann ich mich klar fühlen. Gedanken sind vorhanden, Wahrnehmung stabil. Und doch halte ich eine völlig vertraute elektrische Zahnbürste in der Hand oder sitze vor unserer Fernbedienung und weiß für einen Moment nicht, was zu tun ist.
Nicht, weil mir das Wissen fehlt. Sondern weil mir der unmittelbare Zugriff darauf nicht gelingt.
Noch unangenehmer finde ich, dass solche Momente nicht auf ausgeprägte Crashzustände beschränkt sind: Auch außerhalb eines Crashs kenne ich diese eigenartige Diskrepanz. Unter Stress, unter Anspannung oder bei erhöhter Reizbelastung können Worte plötzlich unerreichbar werden. Oder alltägliche Handlungsabläufe verlieren für Augenblicke ihre Selbstverständlichkeit. Das Hörbuchprogramm, eine vertraute App, kleine Routinen des Alltags – Dinge, die eigentlich automatisiert ablaufen.
Nicht nur im Crash
Im Crash verstärken sich diese Phänomene. Was zuvor nur unangenehm oder flüchtig war, wird deutlicher, häufiger, schwerer zu kompensieren. Die innere Klarheit kann dabei durchaus erhalten bleiben, während der praktische Zugriff auf Sprache oder Handlungsabläufe brüchig wird.
Was sich ebenfalls verändert hat:
Die sensorische Gewichtung meiner Crashzustände ist nicht konstant geblieben. Über lange Zeit war Geräuschempfindlichkeit für mich der verlässlichste (Früh-) Marker. Licht spielte im Alltag eine deutlich geringere Rolle. Erst nach einer Phase akuter Infektion hat sich diese Wahrnehmung verschoben. Seitdem kann Licht in Crashzuständen zu einem dominanten Belastungsfaktor werden – als Schmerz, als ein „zu viel“, das kaum auszuhalten ist.
Veränderte Wahrnehmung
Diese Unterschiede haben meine Wahrnehmung von Crashzuständen grundlegend verändert. Ein Crash ist nicht einfach nur ein „schlechter Tag“. Er ist kein immer gleicher Zustand, sondern eher ein Spektrum unterschiedlicher systemischer Reaktionen. Mal steht die sensorische Überlastung im Vordergrund, mal die körperliche Schwäche, mal eine schwer beschreibbare Mischung aus beidem. Und manchmal kommt er auch in mehreren, zeitverzögerten Wellen.
Für Außenstehende mag das wie eine nebensächliche Differenz wirken. Für mich ist sie zentral.
Denn je nachdem, welche Qualität ein Crash hat, verändern sich nicht nur die Symptome, sondern auch meine Möglichkeiten. Was noch geht. Und was vorübergehend nicht. Was mein System toleriert – und was es unmittelbar überfordert.
Crash ist eben nicht gleich Crash.
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