Fake-Energie und ich: Wie die Adrenalinfalle versucht meinen Körper zu überlisten

Fake-Energie und ich: Wie die Adrenalinfalle versucht meinen Körper zu überlisten
Photo by Markus Spiske / Unsplash

Es war einer dieser seltenen Momente auf den ich mich so gefreut hatte. Für den ich tagelanges striktes Pacing in Kauf genommen hatte. Wir sitzen mit einem befreundeten Ehepaar am Tisch. Reden, Lachen, Scherzen. Und viel zu schnell geht mir durch den Kopf: „Puh, Sprechen fällt heute schwerer als gehofft“. Doch es ist so schön, dass ich trotz dieses leisen Warnsignals noch nicht stoppen will. Nur ein bisschen noch. Schließlich hat der Timer noch nicht geklingelt.


Ganz tief im Inneren weiß ich eigentlich, dass es ab jetzt definitiv in die falsche Richtung geht. Aber gerade in Momenten, in denen sich mein Leben wieder ein bisschen wie „normal“ anfühlt, ist es so verführerisch, diese Signale auszublenden, sie einfach zu ignorieren.

Wie sich Fake-Energie anfühlt

Und genau dann passiert etwas, das das Ignorieren meiner Grenzen noch viel leichter macht: Plötzlich setzt dieses tückische Gefühl ein, das alles Anstrengende, alles Schwere wegwischt. Wie von Zauberhand fühlt sich alles nach „gesunder Tanja“ an. Ich bin mittendrin, laufe zu alter Form auf und denke: „Ach, geht doch.“

Diese Fake-Energie, die ich dann spüre, ist schwer zu beschreiben, wenn man sie nicht kennt. Im ersten Moment ist alles wie früher: stabil, klar. Das Tückische ist aber, dass das schnell umschlägt. Denn es ist eben keine „echte“ Energie, weil der Körper Adrenalin ausschüttet und damit Energie vortäuscht, die gar nicht da ist. Und nur wenn ich ganz genau hinsehe, merke ich, dass es nach kurzer Zeit kein echtes Kraftgefühl mehr ist. Dass ich mich eher atemlos, gepusht, getrieben fühle. Wie in einem Rausch. Und das Merkwürdigste: Trotz der Belastung spüre ich keine Erschöpfung, keine Schmerzen. Und ich kann mich hinterher oft an kaum etwas genau erinnern.

Das größte Risiko, in diese Fake-Energie zu rutschen, bergen die Situationen, in denen ich funktionieren muss: Arzttermine, Krisensituationen oder unser Umzug letztes Jahr. In solchen Momenten gibt es kein echtes Abwägen mehr. Dann geht es nur noch darum, so gut wie möglich durchzukommen. Und ein Crash ist dann fast immer vorprogrammiert. Der Körper hält noch kurz durch, aber später zahlt er den Preis.

Kommt es zum Crash oder bleibt es beim Warnschuss?

In Alltagssituationen - also dort, wo ich nicht funktionieren muss - hängt es tatsächlich davon ab, ob ich früh genug stoppe, bevor die Fake-Energie mich mitreißt. Inzwischen sind aber die Tage häufiger, an denen ich diesen Adrenalinkick bemerke, ihn ernst nehme, mich hinsetze, atme und die Reize reduziere. Dann bleibt es manchmal bei einer Warnung und es kommt nicht zum kompletten Zusammenbruch. Ich merke dann richtig, wie mein Körper aufatmet, wenn ich früh genug dran bin. Es fühlt sich jedes Mal an wie ein kleiner Sieg über eine Mechanik, die sich im ersten Moment zwar toll anfühlt, mir aber sonst das Ruder aus der Hand nehmen würde.

Weil mir dieser Adrenalinkick so oft eine Falle gestellt hat, habe ich mir irgendwann einen Timer gekauft. Einen mit einer Klingel, die man ganz leise einstellen kann. Nicht störend, nicht unangenehm, einfach nur ein kleines, sanftes „Stopp, Tanja“. Gerade beim Schreiben, für Telefonate oder den seltenen Besuch nutze ich ihn konsequent. Ich habe lange gedacht, ich müsste das alleine schaffen. Heute gestehe ich mir ein, dass ein leises Klingeln oft klüger ist als mein eigener Wille, der sich so leicht überreden lässt.

Und noch etwas hat sich bewährt: Ich baue mir Puffer ein. Wenn zum Beispiel ein Arzttermin oder Besuch ansteht, reduziere ich mindestens zwei Tage vorher alles, was Energie kostet. Statt Dusche gibt es dann nur Katzenwäsche. Und die Zeit für Social Media oder Fernsehen schrumpft auf ein Minimum. Je anstrengender ich eine bevorstehende Situation einschätze, desto länger senke ich vorher und nachher mein Aktivitätsniveau ab.

Das Wichtigste aber ist: Stoppen, sobald Warnsignale auftauchen. Egal ob der Timer schon geklingelt hat oder nicht.

Fake-Energie ist trügerisch aber erkennbar

Ich bin noch nicht perfekt darin, die Adrenalinfalle zu vermeiden. Aber ich habe gelernt, dass Fake-Energie zwar trügerisch aber doch erkennbar ist. Sie zeigt sich bei mir durch dieses leichte innere Aufdrehen, durch die Mischung aus Klarheit, Atemlosigkeit und Unruhe, die genau dann kommt, wenn ich kurz zuvor noch gespürt habe, wie leer mein Akku ist. Früher habe ich das als „endlich funktioniert mein Körper mal“ verstanden. Heute weiß ich, dass dieser Energieschub eher ein Warnruf ist. Echte Energie ist leise. Stabil. Ruhig. Sie zeigt sich unspektakulär, oft nur als Moment, in dem nichts drängt. Und genau deshalb ist sie verlässlicher als jeder Adrenalinkick.

Und diese leise Energie – die ist es, auf die ich inzwischen mehr und mehr höre.

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