Die fünf Ebenen des Pacings – und warum es weit mehr ist als körperliche Schonung

Die fünf Ebenen des Pacings – und warum es weit mehr ist als körperliche Schonung
Photo by Pawel Czerwinski / Unsplash

Als ich die Diagnose ME/CFS erhielt, war Pacing für mich ein Fremdwort. Und selbst als ich begann, mich damit zu beschäftigen, schien es etwas recht Einfaches zu sein: nicht zu viel tun, sich körperlich schonen, Kräfte einteilen. Eine Vorstellung, die nicht nur ich hatte. Auch viele Menschen in meinem Umfeld verbanden Pacing verständlicherweise vor allem mit Bewegung, Aktivität, sichtbarer Anstrengung. Weniger gehen, weniger machen, mehr ruhen.

Und doch fühlte sich meine Realität anders an. Ich crashte. Immer wieder.

Überlastung zeigt sich auf unterschiedlichen Ebenen

Es passte einfach nicht zusammen. Ich bewegte mich kaum, war vorsichtig, zurückhaltend – und stieß dennoch ständig an Grenzen, die sich weder sehen noch logisch erklären ließen. Erst sehr viel später begann ich zu begreifen, dass Überlastung auf ganz unterschiedlichen Ebenen entstehen kann. Dass sich Belastung nicht nur im Körper zeigt, sondern auch im Denken, im Fühlen, in Reizen, selbst in der Körperhaltung.

Seitdem hat sich mein Verständnis von Pacing grundlegend verändert.

Körperliche Ebene

Natürlich spielt das Körperliche eine Rolle. Zu viel Bewegung, zu langes Stehen, zu viele Wege – das sind die offensichtlichen Dinge. Und doch musste ich selbst hier vieles neu verstehen. Einer der prägendsten Momente für mich war die Erkenntnis, dass auch Sprechen Anstrengung ist. Atmung, Muskulatur, Stimme – ein Gespräch kann den Körper spürbar fordern.

Grenzen zeigen sich dabei selten klar. Eher wie ein leises Verschieben. Ein bisschen zu viel. Ein bisschen zu lange. Und manchmal reicht genau dieses „bisschen“, um alles ins Wanken zu bringen.

Genauso ungewohnt war die kognitive Seite.

Kognitive Ebene

Denken fühlte sich früher selbstverständlich an, fast grenzenlos verfügbar. Erst mit ME/CFS wurde spürbar, dass auch Konzentration, Zuhören und Verarbeiten Energie verbrauchen.

Nicht plötzlich, nicht laut – eher schleichend. Gedanken werden klebrig, Gelesenes verliert seinen Sinn, der Kopf fühlt sich wattig und schwer an. Solche Momente haben etwas zutiefst Verunsicherndes. Vertrautes wird brüchig, Selbstverständliches fragil. Ich habe gelernt, diese Signale nicht mehr als Scheitern zu lesen, sondern als leise Hinweise meines Körpers.

Noch schwerer greifbar ist die emotionale Ebene.

Emotionale Ebene

Dass Trauer, Angst oder Wut Kraft kosten, leuchtet ein. Was mich viel mehr irritiert hat: Auch schöne Gefühle können erschöpfen. Freude, Aufregung, Verbundenheit – selbst das, was sich innerlich gut und richtig anfühlt, kann das Nervensystem stark aktivieren. Der Körper unterscheidet nicht zwischen gut und schlecht. Er reagiert auf Intensität. Auch das anzunehmen, war ein Prozess.

Und dann gibt es diese sehr stille, oft übersehene Form der Anstrengung: aufrecht sein.

Körperposition

Stehen oder Sitzen wirken von außen banal. Für meinen Körper können sie sich jedoch überraschend schwer anfühlen. Schwindel, innere Unruhe, dieses diffuse Gefühl von Überforderung ohne erkennbare Ursache. Besonders deutlich wurde mir das in einem unscheinbaren Moment: mitten in einem Gespräch mit meinem Mann.

Ich spürte plötzlich diesen fast körperlichen Drang, den Sessel in die Liegeposition zu bringen. Und mit dem Zurücklehnen kam eine unerwartete Erleichterung. Denken und Sprechen fielen spürbar leichter. Ein kleiner Moment – und doch eine große Erkenntnis. Seitdem fließt auch die Körperhaltung in meine Entscheidungen ein. Nicht als starre Regel, sondern als achtsames Abwägen.

Schließlich gab es noch etwas, das sich lange meiner Aufmerksamkeit entzog: Reize.

Reize

Es gibt Tage, an denen scheinbar nichts passiert – und dennoch fühlt sich mein System überlastet an. Licht, Geräusche, Stimmen, visuelle Eindrücke, Gerüche. Dinge, die früher Hintergrund waren, können plötzlich zu viel werden. Manchmal begreife ich das erst im Nachhinein. Wie an dem Tag, als in der Nachbarschaft eine Rüttelplatte stundenlang vibrierte. Keine Aktivität, keine Anstrengung – und dennoch dieses abrupte Gefühl innerer Leere, als hätte jemand einfach den Stecker gezogen.

Im Zusammensein mit meinen Enkeln wird mir besonders bewusst, wie sehr die verschiedenen Ebenen ineinandergreifen.

Alle Ebenen bilden ein komplexes Ganzes

Wenn sie da sind, ist da eine ganz eigene Fülle. Stimmen, Bewegung, Lachen, Fragen, Nähe. Ich höre zu, versuche zu verstehen, was sie mir erzählen, lasse mich von ihrer Welt mitnehmen. Und zugleich ist da eine tiefe Freude und Liebe zu ihnen. Während all das geschieht, ist auch mein Körper ständig beteiligt. Ich gehe mit ihnen, wenn sie mir etwas zeigen wollen, beuge mich zu ihnen hinunter, hebe sie hoch. Kleine Gesten der Nähe, Bewegungen, die sich vertraut und selbstverständlich anfühlen – und doch nicht einfach nur nebenbei passieren. Dazu kommt das Aufrechtsein, die Haltung, die Präsenz im Raum. Die Geräusche, die Dynamik, die Gerüche und das fortwährende Wechseln von Eindrücken.

Nichts davon steht für sich allein. Alles geschieht gleichzeitig.

Gerade in solchen Momenten wird für mich spürbar, dass sich die Ebenen des Pacings nicht sauber voneinander trennen lassen. Sie überlagern sich, greifen ineinander, bilden ein einziges, komplexes Ganzes.

All das hat mein Verständnis von Pacing leise, aber tiefgreifend verändert.

Neues Verständnis von Pacing

Pacing ist längst kein Fremdwort mehr. Es ist ein täglicher Balanceakt zwischen Wahrnehmen, Anpassen und Akzeptieren. Kein starres Konzept, sondern etwas Lebendiges. Manchmal klar, manchmal widersprüchlich, oft herausfordernd. Und immer sehr individuell.

Was sich jedoch durchzieht, ist ein Gefühl von mehr Stabilität, wenn nicht nur einzelne Aspekte, sondern ihr Zusammenspiel Beachtung finden.

Nicht perfekt, nicht immer verlässlich – aber spürbar.

Mit der Zeit begann ich zu verstehen, dass sich Belastung auf verschiedenen Ebenen zeigen kann: körperlich, kognitiv, emotional, in der Körperhaltung und durch Reize.

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